Archive of ‘Schuh-Geschichte’ category

Lotusfüße – schmerzhafte Tradition aus China

Lotusfuss1

Die affektierten Schritte, die schwingenden Hüften, die kleinen Füßchen in winzigen, reich verzierten Schuhen – Tausend Jahre lang waren winzige, gewölbte Füße ein Symbol für ultimative feminine Schönheit in China. Etwa drei Milliarden chinesische Frauen hatten ihre Füße in diesem Zeitraum gebunden, obwohl Fußbinden ein langer und sehr schmerzhafter Prozess war, der in stark deformierten Füßen resultierte, die ein Leben lang schmerzten.

Es gibt mehrere Theorien, wie Lotusfüße zum Schönheitsideal geworden waren. Laut der populärsten Geschichte begann alles mit Kaiser Li Yu, die zwischen 937 und 975 nach Christus regierte. Angeblich sah der Kaiser einmal eine Tänzerin, die auf einem Podest geschmückt mit Lotusblüten tanzte. Er war fasziniert von den eleganten Bewegungen der Tänzerin, die ähnlich wie eine Ballerina auf Zehenspitzen stand. Als die Hofdamen sahen, wie sehr das dem Kaiser gefiel wollten sie alle der Tänzerin nachahmen und banden ihre Füße, so dass diese kleiner und zierlicher erschienen. Aus dem kaiserlichen Hof verbreitete sich die neue „Mode“ fast in das ganze Land und wurde ein Muss für Frauen, die Männern gefielen und heiraten wollten.

Lotusfuss2

Das Fußbinden war ein langer und quälender – und auch ziemlich ekelerregender – Prozess. Man hat damit begonnen, als die Mädchen noch klein, vier bis sieben Jahre alt waren, denn in diesem Alter sind die Knochen in den Füßen noch relativ weich und formbar und somit einfacher zu formen. Man könnte fragen, warum die Frauen später ihre Füße nicht wieder herrichteten. Nun, Frauen mit Lotusfüßen sagen, dass ihre deformierten Füße ohne Binden genauso schmerzten, wie während des Verformungsprozesses. Es war also unmöglich, das Ganze rückgängig zu machen.

Lotus_Schuh

Die speziellen Lotus-Schuhe, die diese Frauen trugen, bekamen ihre Namen nach der Form der deformierten Füße, die sich einem Blütenblatt der Lotusblume ähnelten. Da diese Schuhe als intime Bekleidung galten und Teil der sexuellen Anziehungskraft von Frauen dienten, wurden sie sorgfältig genäht und mit Verzierungen versehen, welche die Persönlichkeit ihrer Trägerin sowie die regionalen Eigenheiten widerspiegelten.

Das Binden der Füße diente auch der Dominanz von Männern über ihre Frauen. Da es für eine Frau unmöglich war, mit deformierten Füßen lange Strecken zu hinterlegen, hielten sich chinesische Frauen nie weit weg von ihrem Zuhause auf und hatten keine Kontakte außerhalb des jeweiligen Dorfes. So blieben sie konservativ, ungebildet und bereit, sich ihren Männern zu unterwerfen. Sie konnten aber auch nicht vor Schlägen fliehen und wurden so von ihren Männern als Sklaven gehalten. Das einzige Positivum des Fußbindens war, dass Frauen, die dasselbe Schicksal hatten, zusammenhielten und einander unterstützend enge Freundschaften pflegten.

Viele von uns können kaum verstehen, wie so eine unmenschliche Tradition jemals existieren konnte – und das Tausend Jahre lang. Aber man muss nicht weit gehen, um Ähnliches zu finden. In unserer Gesellschaft sind Schönheitsoperationen, Tätowierungen, Piercings und Co. weit verbreitet und werden akzeptiert. Und überhaupt, wie viel hat sich seitdem wirklich verändert, wenn Frauen heute noch glauben, dass sie extreme High Heels tragen müssen, um Männern zu gefallen?

Heutzutage ist das Binden der Füße bei Frauen in China glücklicherweise untersagt. Breits mit dem Sturz des letzten Kaisers wurde diese Entscheidung  gegen die Verstümmelung ausgesprochen. Doch gerade in ländlichen Gegenden in China wurde die barbarische Tradition der Lotusfüße noch bis in die 1930er Jahre fortgesetzt. 1949 wurde die Verkrüppelung der weiblichen Füße gänzlich verboten.

Nach dem Verbot durften und sollten die gebundenen Lotusfüße wieder in ihre ursprüngliche Form zurück gebracht werden. Doch das haben viele Frauen nicht über sich ergehen lassen und lebten weiterhin mit dieser Last. Denn der Weg zurück war ebenso schmerzhaft und da die Zehen meist mehrfach gebrochen wurden, blieben die Füße – selbst in der eigentlich „gesunden“ Form – deformiert und verkrüppelt.

Heute gibt es noch wenige, alte Frauen auf dem Land, die noch immer die schmerzhaften Qualen dieser Tradition zu erleiden haben. Im modernen China spielen die Lotusfüße nur noch in den Geschichtsbüchern eine Rolle und auch die letzte Fabrik, die noch Schuhe für diese knapp 10 cm langen Füßchen hergestellt hat, schloss bereits im Jahr 1988.

Auf manchen Märkten können Touristen noch die Lotus-Schuhe als Souvenir erwerben. Doch ob das unbedingt das beste Mitbringsel ist, sei dahin gestellt, wenn man bedenkt, dass diese Schuhe an so viel Leid, Schmerz und Demütigung erinnern.